Im Schloß

 

Hier findest Du Märchen über Elfen.

(Falls du Elfenmärchen kennst oder hast, 

dann schick sie mir doch bitte per Mail, wenn du möchtest.  Danke)

 

 

 

 

Der Rosenelf

Das Kind, das mit den Feen ging

Der Elfenhügel

Die Fee

Die Waldfee

 

 

 

Diese Elfe bringt Dich zurück zu den Elfen.

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Der Rosenelf

(Hans Christian Andersen)

Mitten in einem Garten wuchs ein Rosenstock, der war ganz voller Rosen; und in einer derselben, der schönsten von allen, wohnte ein Elf. Der war so winzig klein, daß kein menschliches Auge ihn erblicken konnte. Hinter jedem Blatt in der Rose hatte er eine Schlafkammer. Er war so wohlgebildet und schön, wie nur ein Kind sein kann, und hatte Flügel von den Schultern hinunter bis zu den Füßen. Oh, welcher Duft war in seinen Zimmern und wie schön und klar waren die Wände; es waren ja die blaßroten Rosenblätter. Den ganzen Tag erfreute er sich im warmen Sonnenschein, flog von Blume zu Blume, tanzte auf den Flügeln des fliegenden Schmetterlings und maß, wie viele Schritte er zu gehen habe, um über alle Landstraßen und Stege zu gelangen, welche auf einem einzigen Lindenblatt sind. Was wir die Adern im Blatt nennen, hielt er für Landstraßen und Stege. Ja, das waren meilenlange Wege für ihn! Ehe er damit fertig wurde, ging die Sonne unter. Er hatte auch so spät damit angefangen! Es wurde sehr kalt, der Tau fiel, und der Wind wehte. Nun war es das beste, nach Hause zu kommen. Er tummelte sich, was er konnte, aber die Rose hatte sich geschlossen, er konnte nicht hineingelangen. Keine einzige Rose stand geöffnet. Der arme kleine Elf erschrak sehr. Er war früher nie des Nachts ausgeblieben, hatte immer so süß hinter den warmen Rosenblättern geschlummert. Oh, das wird sicher sein Tod sein! Am andern Ende des Gartens, das wußte er, befand sich eine Laube mit schönem Jelängerjelieber. Die Blüten sahen wie große bemalte Hörner aus, in eine derselben wollte er hinabsteigen und bis morgen schlafen. Er flog dahin. Still! Es waren zwei Menschen darin, ein junger hübscher Mann und ein schönes Mädchen. Sie saßen nebeneinander und wünschten, daß sie sich nie zu trennen brauchten. Sie waren einander so gut, weit mehr noch, als das beste Kind seiner Mutter oder seinem Vater sein kann. "Dennoch müssen wir uns trennen!" sagte der junge Mann. "Dein Bruder mag uns nicht leiden, deshalb sendet er mich mit einem Auftrag so weit fort über Berge und Seen! Lebe wohl, meine süße Braut, denn das bist du doch!" Und dann küßten sie sich, und das junge Mädchen weinte und gab ihm eine Rose. Aber bevor sie ihm dieselbe reichte, drückte sie einen Kuß so fest und innig drauf, daß die Blume sich öffnete. Da flog der kleine Elf in diese hinein und lehnte sein Haupt gegen die feinen, duftenden Wände. Hier konnte er gut hören, daß Lebewohl gesagt wurde. Lebe wohl! Und er fühlte, daß die Rose ihren Platz an des jungen Mannes Brust erhielt. Oh, wie schlug doch das Herz darin! Der kleine Elf konnte gar nicht einschlafen, so pochte es. Aber nicht lange ruhte die Rose ungestört an der Brust. Der Mann nahm sie hervor, und während er einsam durch den dunklen Wald ging, küßte er die Blume; oh, so oft und so heftig, daß der kleine Elf fast erdrückt wurde. Er konnte durch das Blatt fühlen, wie die Lippen des Mannes brannten, und die Rose selbst hatte sich wie bei der stärksten Mittagssonne geöffnet. Da kam ein anderer Mann, finster und böse; er war des hübschen Mädchens schlechter Bruder. Der zog ein scharfes Messer hervor, und während jener die Rose küßte, stach der schlechte Mann ihn tot, schnitt seinen Kopf ab und begrub ihn mit dem Körper in der weichen Erde unter dem Lindenbaum. "Nun ist er vergessen und fort!" dachte der schlechte Bruder, "er kommt nie wieder zurück. Eine lange Reise sollte er machen, über Berge und Seen. Da kam man leicht das Leben verlieren, und das hat er verloren. Er kommt nicht mehr zurück, und mich darf meine Schwester nicht nach ihm fragen." Dann scharrte er mit dem Fuß verdorrte Blätter über die lockere Erde und ging wieder in der dunklen Nacht nach Hause. Aber er ging nicht allein, wie er glaubte, der kleine Elf begleitete ihn. Der saß in einem zusammengerollten Lindenblatt, welches dem bösen Mann, als er grub, in die Haare gefallen war. Der Hut war nun darauf gesetzt; es war so dunkel darin, und der Elf zitterte vor Schreck und Zorn über die schlechte Tat. In der Morgenstunde kam der böse Mann nach Hause. Er nahm seinen Hut ab und ging in der Schwester Schlafkammer hinein. Da lag das schöne, blühende Mädchen und träumte von ihm, dem sie so gut war und von dem sie nun glaubte, daß er über Berge und durch Wälder ginge. Und der böse Bruder neigte sich über sie und lachte häßlich, wie nur der Teufel lachen kann. Da fiel das trockene Blatt aus seinem Haar auf die Bettdecke nieder, aber er bemerkte es nicht und ging hinaus, um in der Morgenstunde selbst ein wenig zu schlafen. Aber der Elf schlüpfte aus dem verwelkten Blatt, setzt sich in das Ohr des schlafenden Mädchens und erzählte ihr, wie in einem Traum, den schrecklichen Mord; beschieb ihr den Ort, wo der Bruder ihn erschlagen und seine Leiche verscharrt hatte, erzählte von dem blühenden Lindenbaum dicht dabei und sagte: "Damit du nicht glaubst, daß es nur ein Traum ist, was ich dir erzählt habe, wirst du auf deinem Bett ein welkes Blatt finden!" Und das fand sie, als sie erwachte. Oh, welche bitteren Tränen weinte sie! Und niemandem durfte sie ihren Schmerz anvertrauen. Das Fenster stand den ganzen Tag offen. Der kleine Elf konnte leicht zu den Rosen und all den übrigen Blumen in den Garten hinausgelangen. Aber er mochte es nicht über sein Herz bringen die Betrübte zu verlassen. Im Fenster stand ein Strauch mit Monatsrosen. In eine der Blumen setzte er sich und betrachtete das arme Mädchen. Ihr Bruder kam oft in die Kammer hinein. Er war so heiter und doch so schlecht, sie aber durfte kein Wort über ihren Herzenskummer sagen. Sobald es Nacht wurde, schlich sie sich aus dem Hause, ging im Walde zu der Stelle, wo der Lindenbaum stand, nahm die Blätter von der Erde, grub dieselbe auf und fand auch den, der erschlagen worden war. Oh, wie weinte sie und bat den lieben Gott, daß auch sie bald sterben möge! Gerne hätte sie die Leiche mit sich nach Hause genommen, aber das konnte sie nicht. Da nahm sie das bleiche Haupt mit den geschlossenen Augen, küßte den kalten Mund und schüttelte die Erde aus seinem schönen Haar. "Das will ich behalten!" sagte sie. Und als sie die Erde und die toten Blätter auf den Körper gelegt hatte, nahm sie den Kopf und einen kleinen Zweig von dem Jasminstrauch, der im Walde blühte, wo er begraben war, mit sich nach Hause. Sobald sie in ihre Stube kam, holte sie sich den größten Blumentopf, der zu finden war. In diesen legte sie des Toten Kopf, schüttete Erde darauf und pflanzte dann den Jasminzweig in den Topf. "Lebe wohl! Lebe wohl!" flüsterte der kleine Elf. Er konnte es nicht länger ertragen, all diesen Schmerz zu sehen, und flog deshalb hinaus zu seiner Rose im Garten. Aber die war abgeblüht, es hingen nur einige bleiche Blätter an der grünen Hagebutte. "Ach wie bald ist es doch mit all dem Schönen und Guten vorbei!" seufzte der Elf. Zuletzt fand er wieder eine Rose, die wurde zu seinem Haus; hinter ihren feinen und duftenden Blättern konnte er hausen und wohnen. Jeden Morgen flog er zum Fenster des armen Mädchens, und da stand sie immer bei dem Blumentopf und weinte. Die bitteren Tränen fielen auf den Jasminzweig, und mit jedem Tag, an welchem sie bleicher wurde, stand der Zweig frischer und grüner da. Ein Schößling trieb nach dem anderen hervor, kleine weiße Knospen blühten auf, und die küßte sie. Aber der böse Bruder schalt sie und fragte, ob sie närrisch geworden sei? Er konnte es nicht leiden und nicht begreifen, daß sie immer über dem Blumentopf weinte. Er wußte ja nicht, welche Augen darin geschlossen und welche roten Lippen zu Ende geworden waren. Und sie lehnte ihr Haupt gegen den Blumentopf, und der kleine Elf von der Rose fand sie dort schlummernd. Da setzte er sich in ihr Ohr, erzählte von dem Abend in der Laube, vom Duft der Rose und der Elfen Liebe. Wie träumte sie so süß, und während sie träumte, entschwand das Leben. Sie war eines stillen Todes gestorben, sie war bei ihn, den sie liebte, im Himmel. Und die Jasminblume öffnete ihre großen, weißen Glocken; sie dufteten so eigentümlich süß, anders konnten sie nicht über die Toten weinen. Aber der böse Bruder betrachtete den schön blühenden Strauch, nahm ihn als ein Erbgut zu sich und setze ihn in seine Schlafstube dicht an sein Bett, denn er war herrlich anzuschauen, und der Duft war gar süß und lieblich. Der kleine Rosenelf folgte mit, flog von Blume zu Blume - in jeder wohnte ja eine kleine Seele - und erzählte von dem ermordeten jungen Mann, dessen Haupt nun Erde unter der Erde war, erzählte von dem bösen Bruder und der armen Schwester. "Wir wissen es!" sagte eine jede Seele in den Blumen, "wir wissen es! Sind wir nicht aus des Erschlagenen Augen und Lippen entsprossen? Wir wissen es! Wir wissen es!" Und dann nickten sie so sonderbar mit dem Kopfe. Der Rosenelf konnte es gar nicht begreifen, wie sie so ruhig sein könnten. Und er flog hinaus zu den Bienen, die Honig sammelten, und erzählte ihnen die Geschichte von dem bösen Bruder. Und die Bienen sagten es ihrer Königin und diese befahl, daß sie alle am nächsten Morgen den Mörder umbringen sollten.  Aber die Nacht vorher - es war die erste Nacht, welche auf den Tod der Schwester folgte -, als der Bruder in seinem Bette dicht neben dem duftenden Jasminstrauch schlief, öffnete sich jeder Blumenkelch, und unsichtbar, aber mit giftigen Spießen, stiegen die Blumenseelen heraus und setzten sich in sein Ohr und erzählten im böse Träume, flogen alsdann über seine Lippen und stachen seine Zunge mit giftigen Spießen. "Nun haben wir den Toten gerächt!" sagten sie und flogen in des Jasmins weiße Glocken zurück. Als es Morgen war und das Fenster der Schlafkammer plötzlich aufgerissen wurde, fuhr der Rosenelf mit der Bienenkönigin und dem ganzen Bienenschwarm hinein, um ihn zu töten. Aber er war schon tot. Es standen Leute rings um das Bett und sagten: "Der Jasminduft hat ihn getötet." Da verstand der Rosenelf der Blumen Rache, und er erzählte es der Königin der Bienen, und sie summte mit ihrem ganzen Schwarm um den Blumentopf. Die Bienen waren nicht zu verjagen. Da nahm ein Mann den Blumentopf fort, und eine der Bienen stach seine Hand, so daß er den Topf fallen und zerbrechen ließ. Da sahen sie den bleichen Totenschädel, und sie wußten, daß der Tote im Bett ein Mörder war. Und die Bienenkönigin summte in der Luft und sang von der Rache der Blumen und von dem Rosenelf und daß hinter dem geringsten Blatte einer wohnt, der das Böse erzählen und rächen kann!

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Das Kind, das mit den Feen ging

(Altirische Märchen)

 

Östlich der alten Stadt Limerick, ungefähr zehn irische Meilen unterhalb des Gebirgszuges, der unter der Bezeichnung »Die Slieveelim Hügel« bekannt ist, verläuft eine sehr alte und enge Straße. Sie verbindet Limerick und die Straße nach Tipperary mit der Straße nach Dublin und führt durch Sumpf und Weide, über Berg und Tal, an mit Stroh gedeckten Hütten und dachlosen Schlössern vorbei, an die zwanzig Meilen.Am Fuß jenes Gebirges, das ich schon erwähnte, gibt es ein Wegstück, das besonders einsam ist. Für mehr als drei irische Meilen kommt man durch eine völlig verlassene Landschaft. Ein weites schwarzes Moor, flach wie ein See, eingefaßt von Unterholz, breitet sich zur Linken aus, wenn man nordwärts reist., und die ungleichmäßige Linie der Gebirgskette, die man zur Rechten sieht, Hügel mit Heide überwuchert und graue Felsen, die den Überresten einer Befestigung ähnlich sind, wird häufig unterbrochen durch Schluchten., die sich hier und dort zu felsigen und bewaldeten Tälern ausweiten. Eine dürftige Weide, auf der ein paar verstreute Schafe grasen, rahmt die einsame Wegstrecke über ein paar Meilen hin ein, und unter einem schlitzenden Hügel und zwei oder drei großen Eschen stand vor gar nicht langer Zeit die mit Stroh gedeckte Hütte der Witwe Mary Ryan. Arm war die Frau in einem armen Land. Das Strohdach hatte schon eine graue Färbung und hier und da Vertiefungen, die auf die Einwirkungen der Witterung hindeuteten. Aber welche anderen Gefahren auch drohen mochten, man war dagegen in diesem Haus wohlgeschützt. Rund um die Hütte stand ein halbes Dutzend Bergeschen, die die Hexen nicht mögen. An den abgeschabten Türbalken waren zwei Hufeisen genagelt, und über dem Türsturz wuchs Lauch, ein altes Heilmittel gegen viele Übel, mit dem man auch die Machenschaften des Bösen vorbeugend bekämpfen kann. War man durch die Tür eingetreten und hatten sich die Augen an das verschwommene Licht gewöhnt, so entdeckte man über dem mit einem Holzhimmel versehenen Bett der Witwe ihren Rosenkranz und ein Fläschchen mit Weihwasser. Hier gab es Schutz, und hier waren Bollwerke gegen das Vordringen außerirdischer und böser Mächte, an die man in der Familie ständig durch die Silhouette des Lisnavoura erinnert wurde, eines einsamen Hügels, den das »gute Volk«, wie die Feen nicht ganz zu Recht genannt werden, bewohnte. Der seltsame, kuppelartige Hügel erhob sich etwa eine halbe Meile vom Haus entfernt und wirkte wie eine Festung in der Gebirgslinie. Es war im Herbst. Mit der untergehenden Sonne fielen die Schatten des Hügels über die Hänge des Slieveelim bis in die Nähe der kleinen einsamen Hütte.Die Vögel sangen in den Zweigen der melancholischen Eschenbäume, deren Blattwerk schon dünn wurde. Die drei jüngeren Kinder der Witwe spielten auf der Straße, und ihre Stimmen vermischten sich mit dem Abendlied der Vögel. Nell, das älteste Mädchen, war im Haus, um sich um die Kartoffeln zu kümmern, die für das Abendessen gekocht wurden. Die Mutter war hinaus aufs Moor gegangen, um dort eine Last Torf zu holen. Es ist oder war jedenfalls eine menschenfreundliche Sitte unter den wohlhabenderen Leuten, beim Torfstechen immer einen kleinen Stapel für einen Armen mit aufzusetzen, der so Brennmaterial hatte, um seine Kartoffeln zu kochen und gut durch den Winter zu kommen. Moll Ryan kam einen steilen Pfad herauf, dessen Ränder mit Dornenbüschen überwuchert waren. Gebeugt von der Last kam sie durch die Tür herein und wurde von Nell begrüßt, die ihr auch dabei half, den Torf abzusetzen. Moll Ryan sah sich mit einem Aufatmen um, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und stieß dann hervor: „Ich bin froh, dass es geschafft ist. Gott sei Dank! Wo sind denn die Kleinen, NeIl?“ „Die spielen auf der Straße, Mutter. Hast du sie nicht gesehen, als du hereingekommen bist ?“ „Nein. Es war niemand vor mir auf der Straße“, sagte sie beunruhigt, „nicht eine Seele, Nell, warum hast du nicht mal ein Auge auf sie gehabt?“ „Ach, sie werden auf dem Hof sein, oder hinter dem Haus. Soll ich sie hereinrufen ?“„Tu das, Mädchen, in Gottes Namen. Die Hennen kommen heim. Die Sonne geht gerade hinter dem Knockdoulan unter, und ich bin jetzt ja auch da.“ Also sprang das dunkelhaarige Mädchen nach draußen, lief zur Straße, schaute in diese und in die andere Richtung, aber ihre zwei kleinen Brüder, Con und Bill, und ihre kleine Schwester Peg waren nirgends zu sehen. Sie rief alle, aber aus dem Hof kam keine Antwort. Sie horchte, aber sie hörte auch nirgends ihre Stimmen. Über den Zauntritt stieg sie, schaute hinter das Haus überall war es still, und keines der Kinder zeigte sich. Sie schaute aufs Moor hinaus. Auch dort keine Kinder. Wieder horchte sie. Nichts. Sie wurde zornig, aber gleich darauf überkam sie ein anderes Gefühl, und sie wurde bleich im Gesicht. Sie schaute zu der mit Heidekraut überwucherten Kuppe des Lisnavoura, die nun in tiefem Purpurrot gegen den flammenden Himmel stand, an dem gerade die Sonne unterging. Wieder horchte sie, hörte aber nichts als das Gezwitscher der Vögel in den Bäumen. Wie oft hatte sie am Feuer während des Winters Geschichten von Kindern gehört, die bei Einbruch der Nacht an abgelegenen Orten von Feen gestohlen worden waren! Sie wußte auch, dass diese Furcht ihre Mutter immer wieder plagte. Niemand weit und breit rief seine kleine Herde so früh ins Haus wie die ängstliche Witwe, nirgends in den sieben Kirchspielen wurde die Haustür so früh verriegelt wie hier. Bei alledem ist es kein Wunder, dass sich auch Nell besonders vor den Feen fürchtete. Sie starrte zum Lisnavoura wie in Trance hinüber, bekreuzigte sich immer wieder und flüsterte Gebete. Dann rief die Mutter von der Straße her. Sie antwortete und rannte vor die Hütte, wo sie die Mutter antraf. „Und wo in aller Welt sind die Kinder? Hast du sie irgendwo entdeckt?“, rief Mrs. Ryan, während das Mädchen über den Zauntritt stieg. „Ach, Mutter. Sie sind gewiß nur ein Stück die Straße entlanggegangen. In ein paar Minuten werden sie zurück sein. Es ist wie mit den Ziegen. Sie springen hierhin und springen dahin.“ „Mag der Herr dir vergeben, Nell! Die Kinder sind fort. Entführt und keine Seele in unserer Nähe. Vater Tom gar drei Meilen fort. Was soll ich jetzt tun, wer wird uns, da es nun dunkel wird, helfen? Ist es zu fassen? Die Kinder sind fort!“ „Still, Mutter, beruhige dich. Siehst du nicht, da kommen sie ja.“ Und dann begann sie in drohendem Ton zu schreien und winkte den Kindern zu, die auf der Straße daherkamen, die in einiger Entfernung durch eine Senke verlief, weshalb man sie wohl eine Weile nicht hatte sehen können. Sie kamen jetzt aus westlicher Richtung näher, von dort her, wo der gefürchtete Hügel von Lisnavoura lag. Aber es waren nur zwei Kinder, und eines von ihnen, das kleine Mädchen, weinte. Die Mutter und die große Schwester liefen ihnen entgegen, jetzt noch mehr erschrocken als zuvor. „Wo ist Bill, wo ist er hin ?“, fragte die Mutter atemlos, als sie nahe genug heran war. „Er ist fort. Sie haben ihn mitgenommen. Aber sie haben gesagt, er wird bald wieder zurück sein“, antwortete der kleine Con, der dunkelbraunes Haare hatte. „Er ist fort mit den großen Damen“ plapperte des kleine Mädchen. „Was denn für Damen? Und wohin ? Ach mein Liebling, haben sie es doch geschafft. Wo ist er? Wer hat ihn mitgenommen? Von was für Damen sprecht ihr denn? In welche Richtung sind sie denn gefahren?“, rief sie. „Ich konnte nicht sehen, wo sie hinfuhren, Mutter. Aber es war mir, als ob sie gegen den Lisnavoura hin fuhren.“ Unter wilden Ausrufen rannte die verängstigte Frau allein gegen den Hügel hin, klatschte in die Hände und rief laut den Namen des verlorengegangenen Kindes. Erschreckt sah Nell, die es nicht wagte, der Mutter zu folgen, ihr nach. Sie brach in Tränen aus, und ihre Geschwister stimmten in ihr Wehklagen und Weinen ein. Es wurde dunkler. Es war längst über die Zeit, zu der sie sonst sicher unter dem Dach der Hütte saßen. Nell führte die beiden Geschwister ins Haus, hieß sie sich vor das Torffeuer setzen, während sie in der offenen Tür stehenblieb und voller Furcht die Heimkehr ihrer Mutter abwartete. Nach langer Zeit kam die Mutter. Sie trat ein, setzte sich ans Feuer und weinte jämmerlich. „Soll ich die Tür verriegeln, Mutter?“ fragte Nell. „ Ja, tu das. Habe ich nicht heute Abend schon genug verloren, ohne daß die Tür offenstand. Aber zuvor bespreng dich mit Weihwasser und bring das Fläschchen her, damit ich für mich und die Kleinen auch einen Hauch davon nehmen kann. Ich frag' mich, ob all das passiert wäre, hättest du die Kleinen mit Weihwasser besprengt, bevor sie gegen Abend nach draußen liefen. Kommt alle her, Kinder, kommt zu mir. Ich will euch festhalten, so daß niemand euch mir fortnehmen kann. Und dann sollt ihr mir erzählen - der Herr sei zwischen uns und dem Unglück! -, was geschah, und wer es war, der unseren Billy mit fortnahm.“ Als die Tür verriegelt war, erzählten die Kinder, einander häufig unterbrechend, oft aber auch von einer Zwischenfrage der Mutter unterbrochen, jene seltsame Geschichte, die ich später zusammenhängend in meine Sprache brachte. Die drei Kinder der Witwe Ryan spielten, wie ich schon sagte, auf der alten engen Straße vor der Tür. Der kleine Bill oder Leum, etwa fünf Jahre alt, mit hellblondem Haar und blauen Augen, war ein sehr hübscher Junge, gesund und mit jenem Blick ernster Einfachheit, den man bei Stadtkindern gleichen Alters nur selten finden wird. Seine Schwester Peg, ungefähr ein Jahr älter, und sein Bruder Con, wiederum ein Jahr älter als das Mädchen, waren gleich ihm mit auf der Straße. Unter den großen Eschenbäumen, deren Blätter abzufallen begannen, und im Licht der Oktobersonne, die sich anschickte unterzugehen, spielten die Kinder ausgelassen und versunken, und manchmal blickten sie dabei nach Westen, zu dem Hügel von Lisnavoura hin. Plötzlich wurden sie von einer aufgeregten Stimme in schrillem Tonfall von hinten angerufen und ihnen befohlen, aus dem Weg zu gehen. Sie wandten sich um. Sie blickten auf etwas, das sie nie zuvor gesehen hatten. Es war ein Wagen, bespannt mit vier Pferden, die schnaubten und ungeduldig wieherten, während sie herankamen. Die Kinder, die schon fast unter ihren Hufen waren, sprangen eilig zur Seite, und zwar gegen die Tür der Hütte hin. Die Kutsche war von altmodischer Art, reichverziert und prunkvoll, und die Kinder, die nie etwas anderes gesehen hatten als einen Torwagen oder eine alte Chaise, die auf dem Weg von Killaloe hier vorbeigekommen waren, kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Geschirre und das Zaumzeug waren scharlachrot mit Schnallen und Schließen aus Gold. Die Pferde waren gewaltig groß, schneeweiß, mit prächtigen Mähnen, und wenn sie sich schüttelten, dann war es, als ob Rauch durch die Luft wirbele. Auch die Kutsche selbst sprühte von Farben und vergoldeten Beschlägen und Ornamenten. Es gab Beifahrer in Livree mit dreieckigen Hüten, und der Kutscher trug eine große Perücke, so wie Richter sie aufsetzen. All diese Diener wirkten sehr klein und irgendwie unpassend zu den riesigen Pferden der Equipage. Sie hatten scharfe Gesichtszüge, kleine, ruhelose, wild dreinblickende Augen, und um ihre Münder spielte ein schlaues, boshaftes Lächeln, vor dem die Kinder Angst bekamen. Der kleine Kutscher schimpfte. Seine kleinen wütenden Perlaugen schienen aus ihren Höhlen herausspringen zu wollen, während er die Peitschenschnur um den Kopf der Pferde wirbeln ließ, bis es aussah, als sei da ein Feuerstrahl in der Luft. „Weg frei für die Prinzessin!“, brüllte der Kutscher mit bebender Stimme. „Weg frei für die Prinzessin“, piepsten die Beifahrer gegen die Kinder hin und knirschten dann mit den Zähnen. Die Kinder waren so verschreckt, daß sie ganz bleich wurden. Aber eine süße Stimme, die aus dem offenen Fenster der Kutsche drang, beruhigte sie und gebot dem Schimpfen der Diener Einhalt. Eine schöne und sehr vornehm aussehende Dame lächelte den Kindern zu, und alle empfanden das Licht dieses Lächelns als angenehm. „Diesen Jungen da, mit den goldenen Haaren, glaube ich“, sagte die Dame und sah Leum mit ihren großen Augen an. Das Oberteil der Kutsche war fast völlig aus Glas, und so konnten die Kinder sehen, daß drinnen noch eine andere Frau mitfuhr, die ihnen nicht so gut gefiel. Es war eine schwarze Frau, mit einem wundervollen langen Hals, um den sie viele Ketten aus Perlen verschiedener Farbe trug. Auf dem Kopf hatte sie einen Turban aus Seide, die in allen Farben des Regenbogens changierte, und zusammengehalten wurde dieser Kopfputz von einem goldenen Stern. Das Gesicht diese schwarzen Frau sah fast aus wie bei einem Totenkopf, hohe Wangenknochen, große starre Augen, bei denen das Weiße, gleich der Farbe ihrer Zähne, einen strahlenden Kontrast zu ihrer Haut bildete. Sie lehnte sich zu der schönen Frau hinüber und schien ihr etwas zuzuflüstern . „Ja, den Jungen mit dem goldenen Haar, würde ich meinen“, wiederholte die Dame. Und ihre Stimme kam den Kindern süß wie der Klang einer Silberglocke vor, ihr Lächeln sah sie an wie das Licht einer Zauberlampe, während sie sich aus dem Fenster lehnte und ihre blauen Augen mit einem Blick bewundernden Wohlgefallens auf dem blonden Jungen ruhten. Der kleine Billy lächelte zurück, und als sie sich noch weiter vorbeugte und ihre mit Juwelen geschmückten Arme zu ihm ausstreckte, hielt er ihr seine kleinen Hände entgegen. Wie sie einander berührten, wußten die anderen Kinder nicht zu beschreiben, wohl aber erzählten sie, daß sie ausgerufen habe: „Komm und gib mir einen Kuß, mein Liebling!“ Dann hob sie ihn hoch, und er schien an ihrem kleinen Finger zu hängen, leicht wie eine Feder, und sie setzte ihn auf ihrem Schoß ab und bedeckte ihn mit Küssen. Jetzt waren die Kinder furchtlos, ein jedes wäre nur zu gern wie ihr kleiner Bruder bei der schönen Dame im Wagen gewesen. Nur eines war ihnen etwas unheimlich und machte ihnen Angst, und das war die schwarze Frau. Sie führte ein Seidentaschentuch an die Lippen, und dann stopfte sie sich Lage um Lage dieses Taschentuchs, das scheinbar endlos war, in den Mund, um das Lachen zu dämpfen, in das sie verfallen war, und von dem sie geschüttelt wurde. Dabei schauten aber ihre Augen unheimlicher und bösartiger denn je zuvor drein. Aber dann blickten die Kinder alle wieder zu der Dame hin, weil sie eben so schön war. Sie fuhr fort, den kleinen Jungen auf ihren Knien zu küssen und zu streicheln. Sie lächelte den Kindern zu und hielt dabei einen großen braunen Apfel zwischen den Fingern. Die Kutsche fuhr jetzt wieder langsam an, und mit einem Nicken, das wohl dazu einladen sollte, die Frucht zu holen, ließ sie den Apfel auf die Straße rollen. Er rollte neben die Räder. Die Kinder liefen dem Apfel nach. Die Dame warf einen zweiten Apfel und dann noch einen und noch einen. Immer wenn eines der Kinder gerade glaubte, einen der Äpfel greifen zu können, fiel er in ein Loch oder in einen Graben. Dann sahen sich die Kinder um, und immer noch warf die vornehme Dame Äpfel aus dem Fenster, die über die Straße rollten. Diese Jagd nach den Äpfeln setzte sich fort, bis sie, ohne sich dies jedoch recht bewußt zu machen, an eine Straßenkreuzung kamen, wo der Weg nach Owney abzweigt. Es hatte den Anschein, daß dort die Pferdehufe und das Gefährt einen wunderbaren Staub aufwirbelten, und eine Staubwolke, wie sie auch an ruhigen Tagen manchmal entsteht, schien sich zu bilden. Sie hüllte die Kinder für einen Moment ein und trieb dann wirbelnd gegen den Lisnavoura hin. Inmitten dieses Wirbels aber fuhr die Kutsche. Plötzlich aber war statt ihrer nur noch Stroh in der Luft, und einige welke Blätter segelten über das Straßenpflaster. Im seIben Augenblick verschwand der obere Rand des untergehenden Sonnenballs hinter dem Hügel von Knockdoula, und es wurde Zwielicht. Die Kinder spürten die Veränderung wie einen Schock , der Anblick dieses und des Gipfels des Lisnavoura, der jetzt aus der Nähe auf sie niedersah, verstärkte dieses Gefühl noch. Sie riefen den Namen des Bruders, aber ihre Schreie verhallten ohne Antwort. Gleichzeitig meinten sie eine tiefe Stimme sagen hören: „Geht heim!“ Sie schauten sich um, aber da war niemand. Sie fürchteten sich, und Hand in Hand, das kleine Mädchen wild weinend und der Junge grau wie Asche im Gesicht, liefen sie heim, so rasch sie konnten, um, wie wir gehört haben, ihre seltsame Geschichte zu erzählen. Mollv Ryan sah ihren Sohn nie wieder. Aber seine früheren Spielgefährten bekamen ihn wieder zu Gesicht. Manchmal, wenn die Mutter fort war, um bei der Heuernte eine Kleinigkeit zu verdienen und Nelly Kartoffeln für das Mittagessen wusch oder an dem kleinen Bach, der durch die Senke in der Nähe des Hauses fließt, Kleidungsstücke säuberte, schaute Billys hübsches Gesicht zur Tür herein und lächelte sie schweigend an. Und wenn sie dann hinrannten und ihn mit einem Freudenschrei umarmen wollten, zog er sich vorsichtig nach draußen zurück, folgten sie ihm aber dorthin, dann war nirgends eine Spur von ihm. Dies geschah oft, und jedes mal waren die Umstände seines Erscheinens ein wenig anders. Manchmal schaute er länger ins Haus, manchmal kürzer, manchmal streckte er die Hand aus, bewegte den Finger zu einer lockenden Geste und winkte den Geschwistern, ihm zu folgen. Aber immer lächelte er, und nie sagte er ein Wort. Und immer war er verschwunden, wenn die anderen die Tür erreichten. Allmählich wurden die Besuche seltener, und nach etwa acht Monaten hörten sie ganz auf, und der kleine Billy, den man nun ganz verloren gab, galt als Toter. An einem Wintermorgen, anderthalb Jahre nach seinem Verschwinden, machte sich seine Mutter bald nach dem ersten Hahnenschrei nach Limerick auf, um dort Geflügel auf dem Markt zu verkaufen. Das kleine Mädchen lag neben ihrer älteren Schwester, die noch fest schlief. Plötzlich, im grauen Morgenlicht, sah die Kleine, wie sich die Tür öffnete. Billy kam herein und zog die Tür vorsichtig hinter sich zu. Es war immerhin hell genug, um zu erkennen, daß er barfuß war, abgerissen aussah, bleich und abgemagert. Er ging geradewegs auf das Feuer zu, beugte sich über die Glut und schien sich wärmen zu wollen. Die Kleine stieß ihre große Schwester voller Schrecken an und flüsterte: „Wach auf, Nelly, Billy ist heimgekommen!“ Nelly schlief fest weiter, aber der kleine Junge, dessen Hände fast die Glut berührten, wandte sich um und schaute, so schien es der Kleinen jedenfalls, sich ängstlich um. Dann schlich er sich auf Zehenspitzen wieder zur Tür zurück und ging fast lautlos nach draußen. Danach wurde der kleine Junge nie mehr gesehen. Feendoktoren, wie man die Leute nennt, die in solchen Fällen probate Gegenmittel verkaufen, taten, was sie konnten, vergebens. Pater Tom kam und versuchte es mit jenen Mitteln, die die Kirche zu Gebote hat. Auch das blieb erfolglos. Für Mutter, Bruder und Schwestern war der kleine Billy tot. Andere, die von Menschen geliebt worden waren, lagen in geweihter Erde, auf dem alten Kirchhof von Abington, mit einem Stein an der Stelle, an der die Überlebenden niederknien und ein Gebet für den Frieden der Seele des Toten sprechen können. Für den kleinen Billy gab es keine solche Stelle, es sei denn, man hätte den alten Hügel von Lisnavoura dafür genommen, der bei Sonnenuntergang einen langen Schatten bis vor die Tür der Hütte wirft, oder das weiße Mondlicht, das in späteren Jahren seinen Bruder an ihn erinnerte, wenn dieser von der Messe oder dem Markt zurückkam, seufzte und ein Gebet für den kleinen Billy sprach, verlorengegangen vor so langer Zeit und nie mehr gesehen seither.

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Der Elfenhügel

(Hans Christian Andersen)

Da schlüpften so flink einige Eidechsen in den Spalten eines alten Baumes umher; sie konnten einander gut verstehen, denn sie sprachen die Eidechsensprache. "Nein, wie es poltert und brummt in dem alten Elfenhügel" sagte die eine Eidechse, "ich habe vor dem Spektakel nun schon zwei Nächte lang kein Auge zugetan, ebensogut könnte ich liegen und Zahnschmerzen haben, denn dann schlafe ich auch nicht." "Da muß irgendetwas los sein drinnen!" sagte die andere Eidechse, "den Hügel lassen sie auf vier roten Pfählen bis zum ersten Hahnenschrei stehen, es wird gründlich ausgelüftet, und die Elfenmädchen haben neue Tänze eingeübt. Da muß irgend etwas los sein." "Ja, ich habe mit einem Regenwurm aus meinem Bekanntenkreise gesprochen," sagte die dritte Eidechse, "der Regenwurm kam gerade aus dem Hügel heraus, wo er Tag und Nacht in der Erde gewühlt hatte. Der hatte allerlei gehört, sehen kann es ja nicht, das arme Tier, aber vorfühlen und nachhören, das versteht er. Sie erwarten Besuch im Elfenhügel, vornehmen Besuch, aber wen, das wollte der Regenwurm nicht sagen, oder er wußte es vielleicht selbst nicht. Alle Irrlichter sind zu einem Fackelzug, wie man es nennt, befohlen, und das Silber und Gold, wovon es genug im Hügel gibt, wird poliert und in den Mondschein hinausgestellt!" "Wer mögen nur die Fremden sein?" sagten alle Eidechsen. "Was mag nur los sein? Hört, wie es summt! Hört, wie es brummt!" Da öffnete sich der Elfenhügel und ein altes Elfenmädchen kam trippelnd heraus. Ihr Rücken war bloß, aber sonst war sie sehr anständig angezogen. Es war des alten Elfenkönigs Haushälterin, eine entfernte Verwandte, die ein Bernsteinherz auf der Stirn trug. Sie setzte die Beinchen so flink, tripp, tripp! Potztausend, wie sie trippeln konnte und zwar ging es hinunter ins Moor zum Nachtraben. "Sie werden zum Elfenhügel eingeladen für diese Nacht!" sagte sie, aber wollen Sie uns nicht zuvor einen großen Dienst erweisen und die Einladungen übernehmen? Sie müssen auch etwas tun, da sie selbst kein Haus machen! Es kommen einige hochvornehme Fremde aus dem Trollgeschlecht, die viel zu sagen haben, und deshalb will der alte Elfenkönig sich zeigen." "Wer soll eingeladen werden?" fragte der Nachtrabe. "Ja, zum großen Ball kann jedermann kommen, selbst Menschen, wenn sie im Schlafe sprechen oder irgend etwas an sich haben, was in unsere Art schlägt. Aber bei dem vorhergehenden Fest muß strenge Auswahl herrschen, wir wollen nur die Allervornehmsten dabei haben. Ich habe mich schon mit dem Elfenkönig gezankt, denn ich meinte, wir könnten nicht einmal die Gespenster zulassen. Der Wassernix und seine Töchter müssen zuerst eingeladen werden, sie finden zwar nicht viel Spaß daran, auf das Trockene zu kommen, aber sie sollen mindestens jeder einen nassen Stein zum sitzen bereitgestellt finden, wenn nicht sogar etwas Besseres, da hoffe ich denn, daß sie dieses Mal nicht absagen werden. Alle alten Trolle erster Klasse mit Schwanz, alle Nixen und Wichtelmännchen müssen wir haben, und dann denke ich, können wir den Werwolf, das Höllenpferd und die Kirchenwichtel nicht gut übergehen; eigentlich gehören sie ja zur Geistlichkeit, die nicht mit zu unseren Leuten zählt, aber das ist nun einmal ihr Amt; sie gehören immerhin zur näheren Familie und machen uns ständig Besuche." "Bra!" sagte der Nachtrabe und flog von dannen, um einzuladen. Die Elfenmädchen tanzten schon auf dem Elfenhügel, sie schwebten auf und nieder mit ihren langen Schals, die aus Nebel und Mondschein gewoben waren, und sahen gar lieblich aus für jemand, der an dergleichen Gefallen findet. Mitten im Elfenhügel war der große Saal prächtig geschmückt. Der Boden war mit Mondschein gewaschen und die Wände mit Hexenfett abgerieben, so daß sie wie Tulpenblätter im Lichte schimmerten. In der Küche waren reichlich Vorräte aufgestapelt: Frösche am Spieß, Kinderfinger in Schneckenhaut mit Salat aus Pilzsamen, feuchte Mäuseschnauzen und Schierling, Bier von dem Gebräu der Sumpffrau und funkelnder Salpeterwein aus Grabgewölben. Alles war höchst solide und anständig; rostige Nägel und Kirchenfensterglas gehörten zum Naschwerk. Der alte Elfenkönig ließ seine Goldkrone mit gestoßenem Griffel polieren; es war Tuffsteingriffel, und es ist mit großen Schwierigkeiten für einen Elfenkönig verknüpft, Tuffsteingriffel aufzutreiben! In den Schlafzimmern wurden Gardinen aufgehängt und mit Schneckenhörnern aufgeheftet. Ja, überall hörte man das geschäftige Summen und Brummen. "Nun muß hier noch mit Roßhaar und Schweinsborsten geräuchert werden, dann bin ich für meinen Teil fertig!" sagte das alte Elfenmädchen. "Süßes Väterchen" schmeichelte die jüngste der Töchter, "bekomme ich nun endlich zu wissen, wer die vornehmen Fremden sind?" "Nun ja," sagte er, "da muß ich es wohl sagen. Zwei meiner Töchter müssen sich zur Hochzeit bereit halten. Zwei von Euch werden sicher fortheiraten. Der alte Troll oben aus Norwegen, der, der im alten Dovrefelsen wohnt, und die vielen Klippenschlösser aus Felsblöcken und ein Goldbergwerk hat, das ertragreicher ist, als man glaubt, kommt mit seinen zwei Söhnen herunter; die sollen sich eine Frau aussuchen. Der alte Troll ist so ein richtiger alter, ehrlicher, moralischer Greis, lustig und geradezu, ich kenne ihn aus alten Tagen, als wir Duzbrüderschaft tranken und er hier unten war, um sich seine Frau zu holen. Nun ist sie tot. Sie war eine Tochter des Felsenkönigs von Möen, und er saß tüchtig bei ihr in der Kreide, wie man zu sagen pflegt. O, wie ich mich nach dem alten nordischen Troll sehne. Die Söhne sollen ein paar unerzogene, hochnäsige Schlingel sein, aber man kann ihnen ja auch damit unrecht tun, und mit den Jahren werden sie schon Vernunft annehmen. Seht nun zu, daß Ihr ihnen Lebensart beibringt!" "Und wann kommen sie?" fragte die eine Tochter. "Das kommt auf Wind und Wetter an" sagte der Elfenkönig. "Sie reisen sparsam! Sie wollten eine Schiffsgelegenheit benutzen. Ich wollte, sie sollten über Schweden gehen, aber der Alte findet noch immer keinen Geschmack daran. Er hält nicht mit seiner Zeit Schritt, und das kann ich nicht leiden!" In diesem Augenblicke kamen zwei Irrlichter hereingehüpft, das eine schneller als das andere, und daher kam das eine zuerst. "Sie kommen. Sie kommen!" riefen sie. „Gebt mir meine Krone und laßt mich im Mondschein stehen!'' sagte der Elfenkönig. Die Töchter hoben die Schals und verneigten sich bis zur Erde. Da stand nun der alte Troll von Dovre mit seiner Krone von gehärteten Eiszapfen und polierten Tannenzapfen; sonst hatte er noch einen Bärenpelz und Wasserstiefel an; die Söhne dagegen gingen mit bloßem Halse und ohne Hosenträger; denn sie waren Kraftmänner. "Ist das ein Hügel?" fragte der Jüngste der Söhne und zeigte auf den Elfenhügel. "Das nennen wir oben bei uns in Norwegen ein Loch." "Jungens!" sagte der Alte, "ein Loch geht nach innen, ein Hügel nach außen. Habt Ihr keine Augen im Kopfe?" Das einzige, worüber sie sich hier unten wundern müßten, sagten sie, sei, daß sie die Sprache so ohne weiteres verstehen könnten. "Spielt Euch nun nicht auf" sagte der Alte, "man könnte sonst glauben, daß Ihr nicht richtig ausgebacken seid." Und dann gingen sie in den Elfenhügel hinein, wo eine wirklich feine Gesellschaft sich zusammengefunden hatte, und das in solcher Geschwindigkeit, als ob sie zusammengeweht wären. Für jeden war es nett und behaglich eingerichtet worden. Das Meervolk saß in großen Wasserkufen bei Tisch, und sie sagten, daß sie sich wie zuhause fühlten. Alle befleißigten sich guter Tischsitten, außer den beiden kleinen nordischen Trollen, die die Beine auf den Tisch legten. Sie waren der Ansicht, daß ihnen alles zu Gesichte stehe. "Die Füße von der Schüssel" sagte der alte Troll. Da gehorchten sie, aber auch noch nicht gleich. ihre Tischdamen kitzelten sie mit Tannenzapfen, die sie in der Tasche mit sich führten, und dann zogen sie ihre Stiefel aus, um behaglicher zu sitzen und gaben ihnen die Stiefel zu halten. Der Vater, der alte Dovre-Troll war freilich ganz anders. Er erzählte so herrlich von den stolzen nordischen Felsen und von den Wasserfällen, die Schaumweiß mit einem Getöse wie Donnerschlag und Orgelklang herabstürzen. Er erzählte von dem Lachse, der stromaufwärts gegen das stürzende Wasser emporspringt, wenn der Wasserneck auf der Goldharfe spielt. Er erzählte von den schimmernden Winternächten, wenn die Schlittenschellen klingeln und die Burschen mit brennenden Fackeln über das blanke Eis laufen, das so durchsichtig ist, daß sie die Fische unter ihren Füßen aufschrecken sehen. Ja, er konnte erzählen, daß man sehen und hören konnte, was er sagte; es war, als höre man die Sägemühlen klappern, als sängen die Knechte und Mägde ihre Lieder und tanzten dazu ihre Tänze. Heisa. - Mit einem mal gab der alte Troll dem alten Elfenmädchen einen Gevatterschmatz. Das war ein ordentlicher Kuß, und dabei waren sie doch gar nicht miteinander verwandt. Nun mußten die Elfenmädchen tanzen, sowohl die einfachen Tänze, als auch die, bei denen gestampft werden mußte; das ließ alle ihre Vorzüge zur Geltung kommen. Dann kam der Kunsttanz. Ei der Tausend, wie konnten sie die Beine werfen. Man wußte nicht mehr, wo Anfang und Ende, und nicht mehr, ob es Arm oder Bein war. Es ging alles durcheinander wie Sägespäne, und dann schnurrten sie herum, daß dem Höllenpferd übel wurde und es vom Tische gehen mußte. "Prrrrr" sagte der alte Troll," ist das eine Wirbelei mit dem Beinwerk. Aber was können sie mehr als tanzen, Beinewerfen und Wirbelwind machen?" "Das sollst Du nun auch zu wissen bekommen." sagte der Elfenkönig, und dann rief er seine älteste Tochter heran. Sie war so zierlich und klar wie Mondschein, sie war die feinste von allen Schwestern. Sie nahm einen weißen Span in den Mund, und dann war sie verschwunden; das war ihre Kunst. Aber der alte Troll sagte, daß er solche Kunst bei seiner Frau nicht leiden könne, und er glaube auch nicht, daß seine Söhne davon begeistert seien. Die zweite konnte sich selbst zur Seite gehen, als ob sie einen Schatten würfe, den besitzen die Elfen nämlich nicht. Die dritte war von ganz anderem Schlag. Sie hatte im Bräuhaus der Sumpffrau gelernt, und sie war diejenige, die Elfenknorren mit Johanneswürmchen zu spicken verstand. "Sie wird eine gute Hausfrau abgeben!" sagte der alte Troll und dankte mit den Augen beim Zutrinken, denn er wollte nicht so viel trinken. Nun kam das vierte Elfenmädchen. Sie hatte eine große Goldharfe zum Spielen, und als sie die erste Saite anschlug, hoben alle das linke Bein, denn die Unterirdischen sind linksbeinig, und als sie die andere Saite anschlug, mußten alle tun, was sie wollte. "Das ist ein gefährliches Frauenzimmer" sagte der alte Troll; die beiden Söhne aber gingen zum Hügel hinaus, denn nun fanden sie es langweilig. "Und was kann die nächste Tochter?" fragte der alte Troll. "Ich habe gelernt, die Norweger zu lieben" sagte sie, "und niemals werde ich mich vermählen, wenn ich nicht nach Norwegen komme." Aber die jüngste der Schwestern flüsterte dem alten Troll ins Ohr: "Das sagt sie nur, weil sie in einem nordischen Lied gehört hat, daß, wenn die Welt untergeht, doch die nordischen Felsen als Wahrzeichen stehen bleiben, und deshalb will sie dort hinauf, denn sie hat solche Angst vor dem Untergehen." "Ho, ho" sagte der alte Troll, "geht es darauf hinaus, aber was kann die siebente und letzte?" "Die sechste kommt vor der siebenten" sagte der Elfenkönig, denn er konnte rechnen; aber die sechste wollte nicht recht hervorkommen. "Ich kann nur den Leuten die Wahrheit sagen." sagte sie, "mich mag keiner leiden und ich habe genug damit zu tun, mein Totenhemde zu nähen." Nun kam die siebente und letzte, und was konnte sie? Ja, sie konnte Märchen erzählen, und zwar so viele, wie sie nur wollte. "Hier sind alle meine fünf Finger" sagte der alte Troll, "erzähle mir von jedem eins." Und das Elfenmädchen faßte ihn ums Handgelenk und er lachte, daß es in ihm kluckerte, und als sie zum Goldfinger kam, der einen Goldreif um den Leib hatte, gerade als ob er gewußt hätte, daß Verlobung sein sollte, sagte der alte Troll: "Halt fest was Du hast, die Hand ist Dein. Dich will ich selbst zur Frau haben." Und das Elfenmädchen sagte, daß der Goldfinger und der kleine Peter Spielmann noch übrig seien! "Die wollen wir im Winter hören" sagte der alte Troll, "und von der Tanne wollen wir hören und von der Birke und den Gaben der Unterirdischen und dem klingenden Frost. Du sollst schon zum Erzählen kommen, denn das macht bis jetzt keiner da oben richtig! - Und dann wollen wir in der steinernen Halle sitzen, wo der Kienspan brennt, und Met trinken aus den Goldhörnern der alten nordischen Könige; der Neck hat mir ein paar davon geschenkt! Und wenn wir dann sitzen, kommt der Hofwichtel und macht Besuch, und dann singt er Dir alle Weisen der Hütermädchen vor. Das wird lustig werden. Der Lachs wird den Wasserfall hinausspringen und gegen die Steinwände schlagen, aber er kommt doch nicht herein. - Ja, Du kannst mir glauben, es ist gut sein in dem lieben alten Norwegen Aber wo sind die Jungen?" Ja, wo waren die Jungen. Die liefen auf den Feldern umher und bliesen die Irrlichter aus, die so nett und gesittet daherkamen, um einen Fackelzug zu machen. "Treibt man sich so herum" sagte der alte Troll, "nun habe ich mir eine Mutter für Euch genommen, und Ihr könnt Euch jetzt eine Tante nehmen!" Aber die Jungen sagten, daß sie lieber eine Rede halten und Brüderschaft trinken wollten. Zum Heiraten hätten sie keine Lust. - Und dann hielten sie Reden, tranken Brüderschaft und machten die Nagelprobe, um zu zeigen, daß sie ausgetrunken hätten. Dann zogen sie die Kleider aus und legten sich ohne viel Federlesens auf den Tisch, um zu schlafen, denn sie genierten sich nicht. Aber der alte Troll tanzte in der Stube herum mit seiner jungen Braut und wechselte Stiefel mit ihr, denn das ist feiner als Ringe wechseln. "Nun kräht der Hahn" sagte das alte Elfenmädchen, die das Haus zu besorgen hatte. "Jetzt müssen wir die Fensterläden schließen, damit uns die Sonne nicht verbrennt!" Und dann schloß sich der Hügel. Aber draußen liefen die Eidechsen in dem gespaltenen Baume auf und nieder, und die eine sagte zu der anderen: "Ach, wie gut hat mir der alte nordische Troll gefallen!" "Ich mochte die Jungen lieber!" sagte der Regenwurm, aber der konnte ja nichts sehen, das elende Tier.

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Die Fee

(Charles Perrault)

 

Es war einmal eine Witwe, die hatte zwei Töchter: die Ältere glich ihr so sehr in ihrem Wesen und in ihrem Äußeren, daß man bei ihrem Anblick die Mutter zu sehen glaubte. Beide waren sie so widerwärtig und so hochmütig, daß man nicht mit ihnen auskommen konnte. Die jüngere dagegen war in ihrer Sanftmut und Freundlichkeit das wahre Ebenbild ihres Vaters; darüber hinaus war sie eines der schönsten Mädchen, das man sich denken konnte. Wie man nun gemeinhin sein Ebenbild liebt, so war diese Mutter ganz vernarrt in ihre ältere Tochter und hegte gleichzeitig eine tiefe Abneigung gegen die Jüngere. Sie ließ sie in der Küche essen und ohne Unterlaß arbeiten. So mußte dieses arme Kind unter anderem zweimal täglich eine gute halbe Meile vom Hause entfernt Wasser schöpfen gehen und einen großen Krug bis zum Rande gefüllt heimtragen. Eines Tages, als sie zu dem Brunnen gegangen war, trat eine arme Frau auf sie zu und bat sie, ihr zu trinken zu geben. "Gerne, liebes Mütterchen", sagte das schöne Mädchen, spülte seinen Krug, schöpfte ihr an der klarsten Stelle des Brunnens Wasser und bot es ihr dar, wobei sie den Krug stützte, damit sie leichter trinken konnte. Nachdem die gute Frau getrunken hatte, sagte sie zu ihr: "Ihr seid so schön,  so gut und so freundlich, daß ich Euch gern ein Geschenk machen möchte. Es war nämlich eine Fee, die die Gestalt einer armen Bäuerin angenommen hatte, um zu prüfen, wie weit die Freundlichkeit des jungen Mädchens ginge. Ich verleihe Euch die Gabe", fuhr die Fee fort, "daß bei jedem Wort, das ihr sprecht, eine Blume, eine Perle oder ein Edelstein aus Eurem Munde fällt." Als das schöne Mädchen nach Hause kam, schimpfte seine Mutter, weil es sich so lange am Brunnen aufgehalten hatte. "Ich bitte um Verzeihung, liebe Mutter", sagte das arme Mädchen, "daß ich so lange ausgeblieben bin." Als sie aber diese Worte sprach, fielen ihr zwei Rosen, zwei Perlen und zwei große Diamanten aus dem Mund. "Was sehe ich da", sagte die Mutter ganz erstaunt, "ich glaube, ihr fallen Perlen und Diamanten aus dem Munde! Wie kommt denn das, meine Tochter?" Es war das erste Mal, daß sie sie ihre Tochter nannte. Da erzählte ihr das arme Kind ganz harmlos, was ihr begegnet war, nicht ohne eine Unzahl von Diamanten auszustreuen. "Wahrhaftig", sagte die Mutter, "da muß ich meine Tochter hinschicken. Da, Fanchon, seht nur, was aus dem Munde Eurer Schwester fällt, wenn sie spricht; wäre es nicht schön für Euch, wenn Ihr auch diese Gabe hättet? Ihr müßt nur zum Brunnen gehen und Wasser schöpfen, und wenn Euch eine arme Frau um einen Trunk bittet, ihr recht freundlich zu trinken geben." "Wie sieht denn das aus? Zum Brunnen gehen?", entgegnete das unfreundliche Mädchen. "Ich will, daß Ihr dorthin geht", versetzte die Mutter, "und zwar sofort." Sie ging, doch ließ sie nicht ab zu murren. Sie nahm die schönste silberne Karaffe, die im Hause war, und kaum war sie am Brunnen angelangt, als sie aus dem Walde eine prächtig gekleidete Dame hervortreten sah, die sie bat, ihr zu trinken zu geben. Es war dieselbe Fee, die ihrer Schwester erschienen war, sie hatte jedoch die Erscheinung und Kleidung einer Prinzessin angenommen, um zu prüfen, wie weit die Unfreundlichkeit dieses Mädchens ginge. "Bin ich denn hierher gekommen, um Euch zu trinken zu geben?", sagte sie unfreundlich und hochmütig, "ich habe wohl diese silberne Karaffe eigens mitgenommen, um der gnädigen Frau zu trinken zu geben? So hört einmal gut zu: trinkt doch aus dem Brunnen, wenn Ihr Durst habt." "Ihr seid nicht gerade freundlich", versetzte die Fee, ohne zornig zu werden, "nun gut, wenn Ihr so unhöflich seid, will ich Euch die Gabe verleihen, daß Euch bei jedem Wort, das Ihr sprecht, eine Schlange oder eine Kröte aus dem Mund fällt." Als die Mutter ihre Tochter erblickte, rief sie: "Wie war's, meine Tochter?" "So war's, Mutter", entgegnete das unfreundliche Mädchen, indem es zwei Vipern und zwei Kröten ausspie. "Um Himmels willen", schrie die Mutter, "was sehe ich? Daran ist deine Schwester schuld: ich will es ihr heimzahlen!" Und augenblicklich eilte sie davon, um sie zu schlagen. Das arme Mädchen aber entfloh und konnte sich im nahen Wald verstecken. Dort traf es der Sohn des Königs, der von der Jagd heimkehrte, und da er es so schön fand, fragte er es, was es hier so alleine triebe und warum es weine. "Ach, gnädiger Herr, meine Mutter hat mich aus dem Hause gejagt."  Der Königssohn, der fünf oder sechs Perlen und ebenso viele Diamanten aus seinem Munde fallen sah, bat es, ihm zu erzählen,  wie es dazu gekommen sei. Es erzählte ihm alles, was sich zugetragen hatte. Der Königssohn verliebte sich in das Mädchen, und da er wohl bedachte, daß eine solche Gabe mehr wog als irgendeine andere Mitgift, nahm er es mit auf das königliche Schloß seines Vaters und heiratete es. Ihre Schwester indes zog sich solchen Haß zu, daß ihre eigene Mutter sie aus dem Hause jagte; und die Unglückliche irrte vergebens umher, um jemand zu suchen, der sie aufnahm, bis sie einsam an einem Waldrand den Tod fand.

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Die Waldfee

(Mir ist der Verfasser unbekannt, falls jemand ihn kennt bitte eine Mail an mich. Danke)

Vor langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf des südlichen Burgenlandes ein hübscher, munterer Bursche namens Hans, dem alle Mädchen gut waren, so daß ihn jede gern zum Ehegatten genommen hätte. Der Jüngling war lieb und freundlich zu allen, aber das Heiraten wollte er sich noch überlegen. Schließlich verließ er das Dorf und hielt sich längere Zeit in der Fremde auf. Aber eines Tages kam er mit einem unbekannten Mädchen wieder angeritten, das ein blaues Kleidchen trug und von bezaubernder Schönheit war. Bald darauf feierte er Hochzeit mit der holden Schönen. Es lag ein geheinmisvolles Dunkel um sie; niemand wußte, woher sie stammte, und wenn man Hans fragte, zuckte er lächelnd die Achseln. Man redete bald im Dorf, daß die Frau eine gute Waldfee sei, die das Herz des jungen Burschen erobert habe. Manche glaubten zu wissen, Hans habe der Geliebten versprochen, ihre Herkunft geheimzuhalten, sie nie Waldfee zu rufen und sie auch nie aufzufordern, zu tanzen oder zu singen, sonst sei es mit dem Glück beider zu Ende. Die Jahre vergingen dem jungen Ehepaar in ungetrübter Freude; zwei liebe Kinder, die ihnen der Himmel beschert hatte, vermehrten ihr Glück. Es gab zwar Tage, an denen die junge Frau allein das Haus verließ und sich stundenlang im Wald aufhielt, aber Hans, der diese Gänge den Dorfbewohnern möglichst zu verheimlichen suchte, tat nie eine Frage und machte nie seiner Frau einen Vorwurf daraus. Freundlich ließ er sie gehen, und herzlich war sein Gruß, wenn sie zurückkam.

Einmal kehrte Hans von einem weiten Weg nach Haus, und als er seine schöne Frau und seine beiden Kinder erwartungsvoll nach ihm ausschauen sah, begrüßte er sie jubelnd und rief im Überschwang der Freude seiner lieblich lächelnden Frau zu: "Oh, sing doch und tanz, liebe Waldfee, wie damals, als ich dich auf der Waldwiese sah!" Da trübten sich die lieblichen Gesichtszüge seiner Ehegattin, aber sie begann zierlich zu tanzen und mit leiser, wohlklingender Stimme ein Lied zu singen. Mit einemmal erinnerte sich Hans seines Versprechens. Mit raschem Griff suchte er die Gattin am Weitertanzen zu hindern; aber es war schon zu spät. Schluchzend warf sich die Frau in seine Arme und stöhnte: "Hans, Hans, warum hast du das getan? Nun ist's aus mit unserem Glück!" Wie ein Nebelhauch entschwand sie aus seinen Armen. Der Mann und die Kinder blieben allein zurück. Zwar war es Hans noch oft an nebeligen Abenden, als blicke die Waldfee durch das Fenster zu ihren Lieben herein, aber wenn er dann ins Freie eilte, um sie zu ergreifen, war es nur ein Nebelstreif, der ihm das geliebte Bild vorgetäuscht hatte.

 

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